Muss ich das alles wirklich? Offener Brief an mein Pflichtbewusstsein

 
Brief an mein Pflichtbewusstsein

Photo by Debby Hudson on Unsplash

Liebes Pflichtbewusstsein,

du wunderst dich wahrscheinlich, dass ich dir heute einen Brief schreibe – das ist ja eher ungewöhnlich, dass ich direkt mit dir spreche.

Tatsache ist, dass ich seit längerer Zeit häufig müde und erschöpft bin und mir ernsthafte Gedanken darüber mache. Denn ich will nicht irgendwann ausbrennen und die Leidenschaft an meiner Selbständigkeit verlieren. Ich habe noch so viel vor – so viele Ideen und Pläne, die ich gerne verwirklichen möchte. Wenn ich aber keine Energie habe und der Alltag sich anstrengend anfühlt, wird’s schwierig bis unmöglich.

Deshalb habe ich vor kurzem mein Leben, meinen Alltag und mich selbst mit all meinen Stärken und Schwächen einmal genauer angeschaut und hinterfragt. Und da bist du aufgetaucht, liebes Pflichtbewusstsein. Denn du nimmst einen dominanten Platz in meinem Leben ein, habe ich festgestellt. Deshalb schreibe ich dir heute diesen Brief, um meine Gedanken ein bisschen zu sortieren.

Als allererstes möchte ich dir danken, dass du mir so treu zur Seite stehst, liebes Pflichtbewusstsein! Denn auch wenn ich spüre, dass du es manchmal übertreibst und dich ein bisschen zu sehr aufspielst, weiß ich, dass du in meinem Leben eine wichtige Rolle einnimmst:

Nur durch dich ist es mir möglich, dass ich ein gut organisiertes Leben führe, die Dinge im Griff habe. Ich behaupte von mir, dass ich – meistens zumindest 😉 – überlegt handle und effektiv bin in dem, was ich tue. Ja, ich kann behaupten: Mein Erfolg hängt zum großen Teil von deinem Einsatz ab, liebes Pflichtbewusstsein. Das ist mir klar und dafür danke ich dir ehrlich und von Herzen.

Außerdem ist mir Verbindlichkeit sehr wichtig – wenn ich etwas zusage, hat das für mich Gültigkeit und ich setze in der Regel alles in Bewegung, um mein Versprechen einzuhalten. Das erwarte oder wünsche ich mir schließlich auch von anderen. Auch da leistest du mir einen wertvollen Dienst!

Ich weiß auch, dass du es nicht einfach hast in der heutigen Welt: Es ist bestimmt nicht leicht, dir deinen Platz zu sichern zwischen Individualität und Selbstverwirklichung – beides Werte, die in unserer heutigen Welt, in der wir so viele Optionen haben und alles möglich scheint, eine so große Rolle spielen.

Eine Frage, die sich mir gerade aufdrängt: Wo kommst du eigentlich her, liebes Pflichtbewusstsein?

Wie hast du es geschafft, dich so breit zu machen in meinem Leben? Ist es Veranlagung? Oder Erziehung? Sind es die Erfahrungen, die ich im Laufe des Lebens machen durfte? Vermutlich ist es eine Mischung aus allen drei Punkten.

 

Mein Pflichtbewusstsein macht mich
zu einem verbindlichen und gewissenhaften Menschen.
Aber…..


 

Tatsache ist, dass du, liebes Pflichtbewusstsein, einen bedeutenden Platz in mir, meinem Alltag und meinem ganzen Leben einnimmst. Du machst mich definitiv zu einem verbindlichen und gewissenhaften Menschen.

Aber – ich muss dir sagen, dass du es manchmal übertreibst mit deinem Einsatz, liebes Pflichtbewusstsein.

Du schleichst dich oft in meinen Alltag und übernimmst das Ruder, ohne dass ich es merke. Und dann finde ich mich in diesem Rödel-Modus wieder, in dem ich mache und tue (manchmal sogar ein bisschen zwanghaft), was das Leben mir vorgibt und ich brav meine Pflichten erfülle.

Mit der Konsequenz, dass ich vor lauter Machen und Tun nur noch am Funktionieren bin – und genau das ist der Grund, warum ich müde, ausgelaugt und erschöpft bin, wie eingangs beschrieben.

Pflichtgefühl und Pflichtbewusstsein in der Selbständigkeit
 

Was bei zu viel Funktionieren auf der Strecke bleibt, ist klar: Ich selbst, zusammen mit meinen Ideen, Plänen, Wünschen und Visionen. Schade eigentlich!

Du bist gut darin dich zu tarnen: Zum Beispiel als Verantwortungsbewusstsein, als Zuverlässigkeit und ja – auch als schlechtes Gewissen. Wer will schon dastehen als verantwortungslos, unzuverlässig oder gar rücksichtslos mit einem ständig schlechten Gewissen anderen und auch sich selbst gegenüber?

 

Immer nur Funktionieren ist Fremdbestimmung pur!


 

So, dann kommen wir mal zum Punkt: Ich weiß, dass du für mein gutes Leben wichtig bist, liebes Pflichtbewusstsein, und dafür danke ich dir sehr. Aber – wie so oft – kommt es auf die Balance an: Auf die Balance zwischen Pflichtgefühl und meiner persönlichen Freiheit.

Ich habe mir darüber Gedanken gemacht und 4 Impulse herausgearbeitet, die ich künftig berücksichtigen möchte.

 

 
 


4 Impulse für die Balance zwischen Pflichtgefühl und persönlicher Freiheit

 

Impuls #1: Ich muss es nicht jedem recht machen

Ich muss es nicht jedem recht machen und ich KANN es gar nicht. Wir sind alle so unterschiedlich in unserer Persönlichkeit, unseren Erfahrungen und auch in unseren Erwartungen an das Leben und an unsere Mitmenschen.

Wenn ich es allen recht machen wollte, müsste ich mich in so viele Stücke zerteilen, dass von mir selbst nichts mehr übrig bleibt. Ich müsste meine eigenen Ansprüche und Wertvorstellungen über Bord werfen. Will ich das? Warum sollte ich das bitte tun?
Vielmehr möchte ich doch meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden und mein Leben leben (und nicht das der anderen). Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Selbstfürsorge! Es ist Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.

Denn was im ersten Moment als vermeintlich harmonische Idylle daher kommt, kann für mich zur Hölle werden, wenn ich mit meinem eigenen Pflichtbewusstsein gegen mich selbst arbeite.

Deshalb darf ich meine Grenzen setzen und auch mal Nein sagen zu Dingen,

  • die ich nicht wirklich-wirklich will

  • bei denen ich mich überrumpelt fühle

  • oder für die ich (im Moment) keine Zeit oder Energie habe.

Fazit #1:
Ich muss es nicht jedem und allen recht machen und darf viel mehr darauf achten, was ICH möchte.
Es geht natürlich NICHT darum, grundsätzlich alles abzulehnen und nur egoistisch mein eigenes Ding durchzuziehen. Viel wichtiger ist, dass ich mich BEWUSST und mit allen Konsequenzen für oder gegen eine Aufgabe, eine Verpflichtung, eine Gefälligkeit oder ein Verhalten entscheide und die Verantwortung dafür übernehme.


Impuls #2: Ich muss nicht jeden Tag meine ToDo-Liste nicht abarbeiten


Das ist zwar eine wirklich tolles Gefühl, wenn ich am Ende des Tages fertig bist mit dem, was ich mir vorgenommen habe (und nicht nur mit den Nerven) – aber ganz ehrlich: Die Welt geht nicht unter, wenn ich nicht überall Häkchen auf meine ToDo-Liste gesetzt habe.

Ich weiß auch warum: Weil ich mir – obwohl ich es OrganisationsCoach und Selbstmanagement-Expertin echt besser wissen müsste - immer wieder mal zu viel auflade, mehr als ich realistischerweise schaffen kann. Ich weiß es eigentlich und trotzdem kann es passieren – schließlich bin ich auch nur ein Mensch und keine Maschine.

Oft läuft es so ab: Morgens, wenn ich ausgeschlafen und voller Energie bin, schreibe ich meine Liste für den Tag und dann denke ich: “Ach, diese Aufgabe geht auch noch, die dauert ja nicht lange, das schaff ich schon noch.

So geht’s immer weiter und irgendwann ist die Liste voll. Optimismus ist ja wirklich eine gute Sache, aber manchmal wäre mehr Realismus besser, zum Beispiel bei der Erstellung meiner ToDo-Liste.

Deshalb: Lieber weniger Punkte auf die Tages-ToDo-Liste, diese konsequent mit all meinem Pflichtbewusstsein (Danke übrigens 😊) erledigen und dann ist es auch gut. Denn, wenn zu viele Punkte auf der Liste stehen, dann drängst du dich wieder so nach vorne, liebes Pflichtbewusstsein, und das ist echt anstrengend und oft auch unnötig.

Manchmal geht es mir auch nicht gut und ich bin müde. Nein, auch dann muss ich meine Liste nicht bis zum Ende erledigen. Oder die Technik spinnt – dann dauert alles länger und es geht eben nicht alles.

Fazit #2:
Ich erledige lieber das, was wichtig ist und freu mich am Ende des Tages, dass ich mich auf
das Wesentliche und meine Prioritäten konzentriert habe.
Und das, was wieder mal zu viel auf der ToDo-Liste steht (was oft sowieso gar nicht so wichtig ist), das lass ich weg – ohne schlechtes Gewissen! Und – das verspreche ich mir jetzt selbst – ich packe mir meine ToDo-Liste künftig erst gar nicht mehr so voll, dann ist sowieso alles einfacher!





Impuls #3: Ich muss nicht alles zu Ende bringen, wofür ich mich einmal entschieden habe


Das ist auch so eine Sache, liebes Pflichtbewusstsein – stammt von dir eigentlich dieser altbekannte Spruch: „Wer A sagt, muss auch B sagen!“ Ganz ehrlich, das muss ich nicht. Ich kann doch gar nicht wissen, wie sich die Dinge entwickeln, nachdem ich einmal „A“ gesagt habe. Das ist in der heutigen Zeit überhaupt nicht mehr vorhersehbar.

Ich bin dir echt dankbar, dass du mich bei manchen Dingen daran hinderst, vorschnell aufzugeben oder meine Versprechen nicht zu halten. Aber bevor ich mich in irgendwas verrenne, was keinen Sinn mehr macht, weil sich die Rahmenbedingungen geändert haben oder weil ich festgestellt habe, dass es doch nicht das ist, was mir Spaß macht oder oder oder…, ziehe ich doch manchmal besser die Reißleine.

Ob es um ein berufliches oder privates Thema geht, ist dabei egal. Erinnerst du dich noch an die Kooperation, die ich letztes Jahr eingegangen bin? Ich war so happy darüber, nur leider hat sich dann herausgestellt, dass die Ziele und Vorstellungen ziemlich unterschiedlich waren und irgendwann nicht mehr zusammengepasst haben. Am Ende war es nur noch Überwindung, etwas zusammen zu machen. Warum hätte ich das fortführen und mich quälen sollen?

Ich denke also lieber mal nach und entscheide mich gegebenenfalls neu. Das darf ich und das bringt mir auf lange Sicht mehr Zufriedenheit und mehr Freiheit.

(Falls das Dranbleiben für dich, liebe Leserin dieses Artikels, grundsätzlich eine Herausforderung ist - also auch bei Aktivitäten, die positiv für dich sind, findest du hier hilfreiche Tipps, wie es einfacher gehen kann:
Dranbleiben im Alltag - 11 Tipps, damit es einfacher gelingt)

Fazit #3:
Ich darf mich umentscheiden, wenn es Sinn macht.

Und Danke, liebes Pflichtbewusstsein, dass du mich davor immer wieder daran hinderst, unüberlegt und vorschnell das „Handtuch“ zu werfen. Die Verantwortung dafür übernehme ich - klar…



Impuls #4: Ich darf zwischendurch einen Tag frei machen – einfach so…

Hahaha, ich höre dich schon, liebes Pflichtbewusstsein: „Nein, das geht doch nicht, das macht man nicht…“ und so weiter. Wer war eigentlich nochmal „man“?

Ich weiß nicht, wer mir eingetrichtert hat, dass ich brav mindestens 5 Tage in der Woche von morgens bis abends arbeiten muss. Erinnerst du dich, liebes Pflichtbewusstsein, dass genau DAS einer der entscheidenden Gründe war, mich selbständig zu machen? Weil ich viel weniger das machen wollte, was „man“ so macht, sondern mein Leben selbst gestalten?!

Eins weiß ich genau: Du wirst mich immer rechtzeitig und manchmal auch lautstark daran erinnern, dass ich meine Zusagen und Termine einhalte. Dieses Thema hatten wir ja schon, du weißt, ich mache das sowieso, denn Verbindlichkeit gehört wie gesagt zu meinen Stärken.

Was aber spricht dagegen, zwischendurch einfach mal „blau“ zu machen, an den See zu fahren, weil die Sonne scheint oder mit Freundinnen zu frühstücken, weil es nett ist? Zur Not lege ich eben eine Wochenendschicht ein, das stört mich nicht, wenn ich dafür in der Woche einen entspannten Tag hatte.

Auch wenn es mir mal nicht gut geht, darf ich mir die Freiheit nehmen und mir eine Auszeit gönnen, um mich wieder zu regenerieren. Warum sollte ich mich quälen, wenn Ausruhen die viel bessere Alternative ist?

(Im Artikel Raus aus dem Hamsterrad: Mit mehr Energie zu mehr Selbstbestimmung im Business habe ich mich intensiver mit den Möglichkeiten auseinandergesetzt, die dir für dein Business Energie und mehr Freiheit schenken.)

Fazit #4:
Ich darf einfach mal frei machen, wenn mir danach ist.
Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, die trage ich gerne – dafür sorgst du schon, das weiß ich, liebes Pflichtbewusstsein!

 

Etwas aus reinem Pflichtgefühl zu tun, ist die falsche Motivation.


 

 

Auf den Punkt gebracht:

Ich weiß, wie wichtig es für mein gutes Leben ist, aber ich möchte mich nicht zum Sklaven meines Pflichtgefühls machen. Lieber übernehme ich Verantwortung für mein Tun und mein Leben - für all das, was ich mache und auch für all das, was ich NICHT mache. Etwas aus reinem Pflichtgefühl heraus zu tun, bringt mich nicht weiter.

Diese 4 Impulse sind MEIN Weg, um eine gute Balance zwischen meinem starken Pflichtbewusstsein und meinem Wunsch nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung zu finden.

Für dich sind es vielleicht andere Themen, mit denen dein Pflichtbewusstsein dich herausfordert. Schau für dich doch mal genauer hin! Es lohnt sich, wenn auch du dir mehr Zeit, mehr Freiraum, mehr Selbstbestimmung und Leichtigkeit wünschst. Im Business und im ganzen Leben.

 

 

Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade “Einen Scheiß muss ich…” von Elke Schwan-Köhr und ihrem Unternehmen Federführend Media. Danke, liebe Elke, für diesen wunderbaren Impuls, einmal mein starkes Pflichtbewusstsein unter die Lupe zu nehmen.

Viele weitere Artikel aus dieser Aktion mit vielfältigen Perspektiven, welchen “Scheiß man muss und welchen nicht” ;) findest du hier.

Ich stelle übrigens immer wieder fest, wie spannend und inspirierend manche Blogparaden für mich sind. Denn sie geben mir die Möglichkeit, mich mit Themen zu beschäftigen, auf die ich selbst vielleicht nie kommen würde.

Wenn es dich interessiert: Auch diese Artikel meines Blogs sind im Rahmen von Blogparaden entstanden:
Leben und Arbeiten nach deinen Werten - was bedeutet das? Für dich? Für mich?
Dein Büro im neuen Licht - Wie dir ein Blick von außen einen großen Energieschub für dein Business geben kann
Die EINE Sache, die vor einer erfolgreichen Planung kommt
3 Dinge, die du für eine nachhaltige Veränderung brauchst

 

 

Wer schreibt hier?

Photo: Felix Krammer

Photo: Felix Krammer

Mein Name ist Gabriele Thies. Ich unterstütze kreative Unternehmerinnen wie dich dabei, ihr Office, ihren Arbeitsalltag und vor allem sich selbst einfach und clever zu organisieren.

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